Das ultimative Geschenk ! Oder die letzten Weihnachten der Menschheit ?

ultimatives geschenk

Weihnachten rückte unaufhaltsam näher. Wie jedes Jahr mit einer Mischung aus Vorfreude, Nachdenklichkeit und einem Riesenproblem. Es war jedes Jahr im Grunde dasselbe Problem, das Geschenkproblem. Sollte man ganz einfache schlichte Weihnachten feiern und nur ganz kleine Geschenke besorgen oder überhaupt ganz auf Geschenke verzichten? Diese Überlegungen wurden jedes Jahr im Vorfeld diskutiert, nachdem selbst  die Jüngsten keine richtigen Kinder mehr waren und es ohnehin fast unmöglich ist, Halbwüchsige treffsicher und überraschend zu beschenken.
Gutscheine für Elektronik oder Kosmetik kommen zwar immer gut an, aber so wirklich als originelle Geschenke kann man das kaum bezeichnen. Der Familienrat beschloss daher einstimmig wieder einmal  auf große Geschenke zu verzichten und es mit kleinen Aufmerksamkeiten zu versuchen.

Es hatte alles genau zur selben Zeit vor etwa zwei Jahren begonnen. Eigentlich hätten es damals die letzten Weihnachten der Menschheit sein müssen, denn für die Wintersonnenwende am 21.12.2012 war  der Weltuntergang angesagt. Das wäre demnach drei Tage vor den nächsten Weihnachten gewesen. Maya Kalender, Nostradamus, das Chinesische I-Ging, die Hopi  und selbst ein neuartiges Computerprogramm, das die Stimmung der Menschheit im Internet erforscht, hatten für diesen Tag, die Apokalypse angekündigt.

Mein Freund Daniel ist etwas jünger  als ich, kämpfte natürlich zu dieser Zeit  mit den gleichen Weihnachtsproblemen wie viele andere Väter und Mütter auch. Wir hatten das Geschenkdilemma bei einem Glas Wein ausführlich diskutiert und ich hatte ihm damals den Tipp gegeben, einen berüchtigten Weihnachtsmarkt im seltsamsten Teil des Niederösterreichischen Waldviertels zu besuchen.
Dort gibt es in der Nähe beschilderte  Kraftplätze, eine Steintafel mit einer Inschrift, die angeblich nicht von dieser Welt stammt und sogar einen UFO Landeplatz. Ich meinte, wenn er dort auf dem Markt nicht irgendein originelles Geschenk findet, dann nirgendwo.
Tatsächlich faszinierte ihn dieser Markt sofort außergewöhnlich, obwohl das Wetter alles andere als angenehm war. Es war kalt und nebelig und Daniel war froh, dass die meisten Stände innerhalb des alten Pfarrhofes aufgebaut waren. Aber es gab auch außerhalb, neben den unentbehrlichen Punschständen, noch ein paar ganz kleine Stände mit anscheinend wetterfesten Betreibern. Daniel stöberte zuerst gemütlich im Innenbereich die vielen zum Teil hausgemachten und mitunter auch sehr schönen  Angebote  durch. Trotz der vielen, oft sogar originellen Produkte, wie kleine handgemachte und bemalte Kuckucksuhren oder handgestrickte Pantoffeln,  konnte sich Daniel aber gerade noch durchringen, ein Glas mir  schönen getrockneten Steinpilzen zu erwerben.

Etwas enttäuscht entschloss er sich dann trotz der unfreundlichen Witterung, ein Glas Punsch im Freien einzunehmen. Der Punsch war von den Besuchern mehrmals gelobt worden und so holte sich ebenfalls einen Becher davon. Der Punsch war heiß, tatsächlich sehr geschmackvoll, wenn auch für seinen Geschmack etwas zu süß, verbreitete aber schnell wohlige Wärme in seiner Magengegend.
Mit dem wärmenden  halbvollen Becher in der Hand begann sich Daniel dann auch die wenigen Stände im Freien anzusehen. Der Stand mit dem geruchsintensiven Käse interessierte ihn weniger, aber daneben befand sich ein ganz kleiner Tisch, hinter dem ein seltsamer alter Mann stand, der seine besondere Aufmerksamkeit erregte.
Der alte Mann erinnerte Daniel  aufgrund der großen hageren Gestalt ein wenig an seinen vor vielen Jahren verstorbenen Mentor Hans. Aber die Kleidung passte so gar nicht zu dem Bild, dass Daniel noch in Erinnerung hatte. Eine dicke alte dunkelgraue Leinenhose und die pelzgefütterte Lederjacke mit speckiger Patina, hätte der überaus gebildete und gepflegte Hans sicher nie getragen. Das originellste  an dem alten Mann war aber sein bemalter Hut, aus ebenso speckigem Leder  mit einer riesigen Krempe, von der der Nieselregen außerhalb seines Körpers abtropfen konnte, also sogar den Regenschirm ersetzte.
Das zerfurchte längliche Gesicht und die dunklen Augen  erinnerten Daniel ein wenig an Mr. Spock aus Raumschiff Enterprise, wenn auch die Ohren nicht ganz mithalten konnten. Daniel dachte dabei schmunzelnd an den UFO Landeplatz, der diesen Ort so bekannt gemacht hatte. Deshalb amüsiert, blickte Daniel dem alten Mann schelmisch lächelnd, direkt in die Augen. Dieser erwiderte aus seinen überraschend  leuchtend klaren Augen dieses Lächeln freundlich und fragte  Daniel, ob er ihm vielleicht helfen könne.
Daniel fühlte sich von diesen Augen sofort magnetisch angezogen und erzählte von seiner Absicht ein originelles Weihnachtgeschenk für seine halbwüchsigen Töchter  besorgen zu wollen. „Das ist wahrlich nicht einfach, aber genau deshalb bin ich hier“,  meinte der alte Mann und stellte sich als der „Einschicht-Max“ vor. Auf seinem Tisch gab es eigentlich nicht viel zu sehen. Genau vier kleine, kaum faustgroße,  allerdings sehr schön geschnitzte und handbemalte Truhen waren der ganze Bestand an Waren.
„Einschicht Max“ nahm eine der kleinen Truhen und reichte sie Daniel mit den Worten.“ Ich denke, das ist es was du suchst“.  Kann ich es aufmachen? fragte Daniel. Einschicht-Max nickte nur. Daniel öffnete die kleine Truhe und war nicht schlecht erstaunt, als er darin einen USB Memory Stick neuester Bauart, ebenfalls handbemalt, vorfand. Was ist denn da drauf fragte Daniel? und Einschicht-Max antwortete: „nicht viel, aber es macht glücklich“. „Du kannst es dir ruhig vorher ansehen, aber nur kurz, es ist eben für die Jungen bestimmt“. Daniel zögerte nicht lange und auf die Frage nach dem Preis antwortete „Einschicht-Max“ nur: „Was immer du geben willst, auch ein freundlicher Händedruck ist  in Ordnung“.  Daniel nahm einen fünfzig Euro Schein und gab ihn Einschicht-Max mit einem herzlichen „Auf Wiedersehen und Danke schön“,  samt freundlichem Händedruck in die Hand.

Zu Hause wieder angekommen wunderte sich Daniel nicht einmal besonders, als er den fünfzig Euro Schein in seiner Jackentasche wieder vorfand. Ein seltsames Gefühl, oder vielleicht schlechtes Gewissen, beschlich ihm allerdings  schon damals.
Er steckte den USB Stick in seinen PC und war leicht enttäuscht als dann nur, wenn auch wunderschöne Bilder, über seinen Bildschirm wechselten. Bilder von Blumen, Tieren, blühenden und fruchtenden Landschaften, sowie vielen interessanten Artefakten, die allesamt die schönen Seiten dieser Welt aufzeigten. Daniel fand auf dem USB Stick auch sonst  keine anderen Daten und war beruhigt, wenn auch etwas frustriert. Die erhoffte Sensation war es wieder nicht. Schließlich packte er die kleine Truhe sorgfältig wieder ein. Immerhin war es genau so ein einfaches Geschenk, wie es der Familienrat vereinbart hatte.
Das Weihnachtsfest lief dann fast wie immer mit viel zu vielen Geschenken, aber harmonisch und durchaus friedlich ab. Die kleine Truhe fand zwar kurz Anerkennung, wurde aber von seiner Tochter Juliana nicht einmal geöffnet, da sie dringendst zuerst die ganz neuen Cremen und Duftwässerchen durchtesten musste.

Am nächsten Vormittag  tauchte Juliana jedoch überraschend  mit leuchtenden Augen bei ihrem Vater Daniel auf und fragte ihn, woher er dieses wunderschöne Geschenk mit der Truhe hatte. Daniel war überrascht und fragte Juliana, was ihr daran so besonders gefiel?
Es ist unglaublich, antwortete Juliana, ich habe den USB Stick in meinen Laptop gesteckt und zuerst auf die Bilder, die mit der schönen Musikuntermalung abliefen, gar nicht geachtet. Aber dann haben mich die Bilder immer mehr angezogen und ich konnte meine Augen gar nicht mehr von Bildschirm wegbekommen. Und was ist da so besonders dran, fragte Daniel? Ich kann es nicht erklären antwortete Juliana, aber mir wurde plötzlich so leicht ums Herz. Alle kleinen und größeren Sorgen fielen plötzlich von mir ab und ich fühle mich so glücklich, so glücklich wie noch nie in meinem Leben. Ich liebe dich über alles, fügte Juliana noch hinzu, fiel ihrem Vater um den Hals und bedeckte sein Gesicht mit Küssen, was sie noch nie vorher getan hatte.
Noch bevor sich Daniel wieder gefangen hatte, kam Julianes  jüngere Schwester Michaela und die ganze Szene wiederholte sich noch einmal. Michaela hatte sich die Bilder eigentlich auch nur aus Neugier, allerdings dafür etwas genauer angesehen und meinte sogar, einige der Bilder sind so schön, die  können gar nicht von dieser Welt sein.
Führt es mir auch einmal vor, ersuchte Daniel völlig perplex seine Töchter. Flugs darauf kam Juliana mit dem Laptop zurück und lies das ganze Programm wieder von vorne ablaufen. Jetzt war auch Daniel beeindruckt. Eine unglaubliche Freude und Wärme begann  auch ihn zu erfassen und er fühlte erstmals in seinem Leben wirklichen Frieden in seinem Herzen.
Beeindruckend, beeindruckend sagte  Daniel mehrmals und erzählte seinen Töchtern die Geschichte vom „Einschicht-Max“, was den beiden Mädchen ein: “wow, das ist aber eine coole Story“, entlockte. Dürfen wir das auch unseren Klassenkameraden weitergeben?
Ohne  zu überlegen antwortete Daniel, „ich habe sicher nichts dagegen, es ist euer Geschenk, ihr könnt natürlich damit machen, was ihr wollt“.
Heute ist sich Daniel nicht mehr sicher, ob das die richtige Antwort war, vermutlich hätte aber ein „Nein“ an der folgenden Entwicklung  auch nicht viel geändert.

Es dauerte nicht lange und die beiden Schulklassen der Mädchen hatten dieses Programm in Verwendung und waren allesamt restlos glücklich. Eine Woche später war es die ganze Schule, zwei  Wochen danach, das ganze Land. Es war inzwischen  auf Facebook, YouTube, Twitter und fast allen ähnlichen Portalen verbreitet. Wenige Wochen später hatte dieses Programm die meisten Zugriffe weltweit.
Die globalen Veränderungen wurden schon ein halbes Jahr später deutlich sichtbar. Der Drogenhandel war bereits vollständig zusammengebrochen. Fast alle Jugendlichen machten sich inzwischen ausschließlich  mit diesem Programm glücklich. Es war im Grunde genommen stärker und wirksamer als jede bekannte Droge. Es wirkte sogar noch bei bereits stark drogenabhängigen Personen. Versuche von manchen Regierungen dieses Programm zu verbieten, oder das Internet ganz zu sperren, scheiterten kläglich, es war bereits zu spät. Das Programm wurde inzwischen auf alle möglichen Speichermedien kopiert und eben auf diese Art manuell weitergegeben.
Als nächstes weigerten sich die jungen Leute weltweit  Krieg zu führen, dann überhaupt zum Militär einzurücken. Da auch fast alle Offiziere und Befehlshaber  dieses Programm verwendeten, gab es  nicht einmal mehr  Konsequenzen für das desertieren. Es gab weltweit einfach  kein ausreichendes Aggressionspotential mehr, das betraf selbst die grausamsten und psychopatischen Machthaber.
Knapp ein Jahr später waren Hunger und Armut fast gänzlich verschwunden. Die riesigen Militärbudgets waren inzwischen Großteils in Agrar, Bildungs und Infrastrukturprojekte umgewidmet  worden. Auch in erneuerbare Energien flossen plötzlich Unsummen an neuen Investitionen, wodurch die Weltwirtschaft einen nie dagewesenen Aufschwung genommen hatte. Luftverschmutzung, Ozonloch und Klimaschock waren  ein weiteres Jahr später, bereits Geschichte.

Anscheinend ist das kollektive Bewusstsein der Menschen  für viele Ereignissen und speziell Katastrophen ohnehin direkt selbst verantwortlich. Das wurde aber jetzt gründlich umgedreht. Wenn Menschen etwas intensiv befürchten, passiert es auch meistens und das gilt für ein Kollektiv noch in wesentlich größerem Ausmaß als für Einzelpersonen.
Der Weltuntergang hat demnach natürlich  nicht stattgefunden. Zumindest nicht für den Großteil der Menschheit, wohl aber für die Waffen und Rüstungsindustrie und teilweise auch für die fossilen Rohstoffmärkte. Aber die neuen ökologischen und inzwischen auch wesentlich sozialeren Industrien hatten diese Verluste mehr als wettgemacht und zu diesem ungeahnten Aufschwung geführt. Glückliche Menschen haben eben kein Bedürfnis andere Menschen auszubeuten und nach und nach ist auch dort Kaufkraft entstanden, wo man früher nicht einmal etwas zu essen bekommen hatte.
Mehrmals hatte Daniel versucht, „Einschicht-Max“ wieder zu finden, aber niemand in der ganzen Region kannte ihn. Nicht einmal die Organisation, die den Markt organisiert, hatte eine Ahnung woher er gekommen war. Er war einfach auf einmal „da gewesen“ sagte man ihm.

Vielleicht ist der erste Gedanke mit Mr. Spock doch nicht so falsch gewesen, meinte Daniel manchmal scherzhaft.
Es ist inzwischen eine schöne, soziale und ökologisch nachhaltige Welt geworden. Ich fühle mich wie im Paradies, allerdings es ist auch viel langweiliger jetzt. Zumindest manchmal sehne ich mich doch hin und wieder nach den Zeiten mit Sorgen, schlaflosen Nächten und existentiellen Problemen, die es früher zu lösen gab.

Copyright Rudolf Bulant Oktober 2011